Wir werden kurz vor acht wach, trinken entspannt unseren Tee und dann geht Eckhard zur Agentur. Ich schreibe in der derzeit den letzten Artikel, auch um möglichst alles normal zu machen und fest daran zu glauben, dass wir einfach gleich unseren Fahrzeugschein wieder haben. Ich sehe Eckhard schon von weitem wieder zurück kommen, setze meine Brille auf, damit ich es wirklich richtig sehe – er macht den Daumen nach unten. Also heißt es, dass Wohnmobil einmal auf den Kopf stellen und alles zu durchsuchen. Eckhard geht derweil nochmal zu der Stelle, an der wir den Tag zuvor direkt vor der Agentur gestanden haben. Mit jedem Blatt und T-Shirt, dass ich umdrehe und der Fahrzeugschein nicht da ist, steigt meine Panik immer weiter. Eckhard bringt noch eine Kopie des Scheines mit, die Agentur hatte sich eine davon gemacht. Immerhin. Mein Paniklevel ist mittlerweile bei einer Skala von 1-10 bei 9. Das gilt es erst mal in den Griff zu bekommen, all unser Training, mit Gedanken und Gefühlen umzugehen, setzen wir ein. Ich bekomme einen Zugang dazu, dass wir die Reise nicht abbrechen werden (nach Hause, wo soll das sein, außer dem Wohnmobil) und mein Leben auch so weitergehen wird. Letztendlich ist es ein Stück Papier, dass man nachmachen lassen kann und das Ticket gilt bis 22. Januar. Mit etwas klareren Geist gehen wir die Möglichkeiten durch:
- wir fahren mit der Kopie und hoffen, dass wir so durchkommen
- wir bleiben noch eine Woche in Spanien und besorgen uns Ersatz
Nummer eins schied für mich sofort aus, mein Paniklevel wurde durch den Gedanken sofort wieder erhöht.
Wo könnte dieser Schein den noch sein? Eckhard hatte in der Agentur alle Formalitäten erledigt und ich hatte währenddessen Geld geholt. Als ich zurück kam, war alles schon erledigt. Pässe und Ticket hatte ich eingesteckt, aber war da der Schein dabei? Oder hatte Eckhard ihn in die Hose gesteckt? Mit dem Handy und als er das Telefon raus genommen hat, war da der Schein raus gefallen? Aber das hätte er doch gemerkt! STOPP!
Das ist ja absurd, denn das Wesen von Verlieren ist ja, dass man es nicht merkt, sonst würde man es ja nicht verlieren. Also könnte der Schein im Supermarkt sein?
Eckhard stiefelt sofort los. Ich mache wieder möglichst alles wie immer, diesmal entscheide ich mich für meine morgendliche Mundspülung. Kurz drauf klingelt das Telefon und Eckhard hat die fröhliche Nachricht, dass der Schein tatsächlich beim Sicherheitsmensch im Carrefour abgegeben wurde. Dank der Kopie konnte er auch einfach nachweisen, dass es unsere ist. Ich kann nur etwas merkwürdige Grunzlaute von mir geben, weil ich immer noch das Öl im Mund habe.
Den Wechsel des inneren Zustandes kann ich kaum beschreiben, jetzt ist da nur noch totale Aufregung und Freude. Wir fahren auch direkt los zur Fähre, vielleicht bekommen wir die um 11 Uhr noch, wenn nicht, auch egal. Hauptsache, unsere Papiere sind wieder da.
An der Fähre sehen wir andere Wohnmobile die ca. 1,5 Stunden vor uns losgefahren sind. Und da wir einer der letzten sind, die auf die Fähre fahren, können wir später mit als erste wieder runter. Es ist nämlich eine Fähre , die nur eine Einfahrt hat. Die LKWs fahren rückwärts rein, die kleineren, so wie wir, können in der Fähre drehen. Nur ist die Einfahrtsrampe etwas tückisch. Mit fünf Einweisern stellen sie sicher, dass man nicht am Bodenblech entlang schrubbt.
Wir sind drin. Und dann gleich zur Passbehörde, die an Bord ist. Dazu braucht man Pässe. Die liegen noch im Auto. Eckhard also nochmal schnell runter zum Fahrzeugdeck, dass gerade noch so offen war. Eine viertel Stunde später haben wir unsere Stempel und genießen die Fahrt über die Straße von Gibraltar auf dem Deck.
Nach gut einer Stunde klettern wir wieder in unser Wohnmobil – wirklich klettern, denn die Fahrzeuge stehen sehr dicht- und fahren als einer der ersten fünf Wohnmobile in den Hafen. Was beim Zoll dazu führt, dass wir durch den Scanner müssen. Also nicht wir, sondern das Womo.
Vielleicht sind es die 12 Liter Hafermilch, die auf dem Scanner merkwürdig aussehen, denn es steigt dann auch noch ein Zolbeamter ins Womo und macht zwei Klappen auf, fragt nochmal nach Waffen und Drohen, was wir natürlich verneinen. Vor lauter Aufregung vergessen wir, was danke und auf Widersehen auf französisch heißt. Endlich dürfen wir weiterfahren – zur nächsten Kontrolle!

Runter von der Fähre 
Der Scanner
Nochmal ein Beamter, der kontrolliert, ob wir den richtigen Einreiseschein fürs Auto haben, und den mit dem Kennzeichen abgleicht. Haben wir! Dieser Schein ist wichtig, ohne den kommt man mit dem Auto nicht wieder raus, also MUSS ich auf den ganz besonders aufpassen.
Alle, die danach uns anhalten wollen, sind Verkäufer. Darauf waren wir vorbereitet und halten nur an den Geldautomaten an, um uns gleich Dirham zu holen. Viele dieser Tipps hatten wir von den Menschen auf den Campingplätzen in Spanien bekommen.
So auch, dass man am besten bis nach Larache fährt, auf der Autobahn, dort in einen Carrefour geht, der direkt bei der Ausfahrt sein soll, sich eine Simkarte holt und alles, was man sonst noch braucht – in unserem Falle eine Straßenkarte und Batterien für den Fotoapparat, die sind leer und die Akkus gehen nicht. Direkt an der Autobahn gibt es aber einen Marjane, das ist eine marokkanischer Supermarktkette. Also fahren wir weiter, immer weiter nach Larache rein. Nach ca. 3 km hat Eckhard genügend erste Eindrücke davon, was es heißt, mit dem Wohnmobil durch eine marokkanische Stadt zu fahren. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen euch auch Fotos nachzuliefern, mir stand teilweise der Mund offen vor Staunen, welche Fahrzeuge hier fahren. Neben Eselskarren und Dreirädern mit Mopeds gibt es Pkws, die eher mit Klebeband noch zusammenhalten, aber auch schicke neue Wagen. Und alle Fahren mit viel Hupen und ohne blinken.
Also drehen wir am nächsten Kreisel wieder um(das ist übrigens super, mit dem Auto durch Frankreich und Spanien schon gefahren zu sein, denn auch dort nutzen sie diese hervorragende Einrichtung von Kreiseln, wir vermuten, dass der Verkehr sich daher auch so gut wie nie länger staut) und fahren zum marokkanischen Supermarkt. Kurz bevor wir eintreten sagt Eckhard noch: Zum Glück werden sie da jetzt keine Weihnachtsmusik spielen; aber stattdessen gibt es in ohrenbetäubender Lautstärke arabische Musik! Selbst der Verkäufer bei Mobilfunkladen stöhnt über den Lärm, es scheint ein Sonderaktionstag zu sein. Schnell wieder raus. Da wir aber Hunger haben, gehen wir doch nochmal rein, können uns schlecht entscheiden, trödeln etwas rum, was uns später noch zum nächsten Abenteuer führen wird.
Eine Straßenkarte konnten wir nicht erstehen, dafür haben wir jetzt ja wieder Internet und google gibt uns eine Strecke ohne Mautgebühren, sind ja auch nur 40km zum uns empfohlenen Campingplatz. Die ersten 15km sind auch relativ „normal“ und dann biegen wir auf eine „P“-Straße ab. Die ersten Meter macht das auch einen ganz guten Eindruck. Ab dann beginnt ein zweistündiges Fahrabenteuer. Wir fahren durch ein großes Obst und Gemüseanbaugebiet und es scheinen alle Feierabend zu haben. Unzählige Sprinter, in denen ArbeiterInnen sitzen und an den Türen stehen, kommen uns entgegen oder sind hinter uns. Dazu Schlaglöcher, die ihren Namen auch verdient haben, nicht nur Dellen. Der Asphalt ist an den Seiten ausgefranzt, manchmal ist er auch ganz weg. Am Anfang dachte ich, die Menschen, die uns zuwinken, „wollen“ bestimmt was von uns. Nach einigen Kilometern denke ich, kein normales Wohnmobil fährt diese Strecke, die freuen sich einfach nur. Es wird auch noch dunkel und in Marokko haben längst nicht alle Fahrzeuge Beleuchtung. Und dann ist es uns schlagartig klar, das Wohnmobil nicht!:-))
Es ist alles gut gegangen. Wie das mit Abenteuern so ist, im Nachhinein sind es die guten Geschichten, und wir werden uns trainieren, es auch währenddessen zu genießen. Den „Heiligabend“ verbringen wir glücklich bei Tütensuppe und Lebkuchen, und es gibt sogar Geschenke. Eckhard freut sich riesig über ein Glas echt Bautz‘ner Silberzwiebel und ich bekomme eine Dose echte spanische Weihnachtskekse, um die ich in den letzten Wochen immer rum geschlichen bin.
Jetzt ist es Mittwoch, der 25. vormittags, wir werden gleich mal in den Ort laufen, um uns weiter hier zu akklimatisieren.



Frohe Weihnachten euch beiden und herzliche Grüße aus Berlin von Bachar & Kerstin 🤶🏻🎄
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Danke! Euch auch عيد ميلاد سعيد
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